Kunst versus kitschige Imitation

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Artgenossa
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Kunst versus kitschige Imitation

Beitragvon Artgenossa » Fr Apr 27, 2012 1:22 am

Hallo,

findet ihr, Artweaver sollte auch in der digitalen Imitation des echten Pinselstriches und Leinwandfadens weiterhin fortschreiten und sogar die Schatten pastöser Malstriche noch wirklichkeitsgetreuer imitieren können? Kann imitiertes Parkett ( Laminat / Kunstfunier ) schöner oder wertvoller werden als echtes?

Rentieren sich alle Anstrengungen in diese Richtung?

Meine Sorge und Frage gilt der Tatsache, dass Malereien, welche auf dieser "Art" von Effekthascherei basieren - diese auch nur im geringsten bemühen - sowohl von Künstlern der Szene, als auch von Galeristen (Galerien), Akademien und Museen schon von vorneherein entwertet und abgelehnt werden, obwohl "Computerkunst" und Werke digitaler Malerei ansonsten auch dort sehr willkommen sind. Der weltweit verbreitete Vorbehalt gilt also nicht dem ein oder anderen Malwerkzeug (diesenfalls dem Computer oder Programm) sondern dem Sinn, respektive dem Unsinn, der damit getrieben werden kann.

Mit dem Computer Ölmalerei nachzuahmen ist in etwa so künstlerhaft, wie mit Ölfarben diverse Nebeneffekte analoger Fotografie oder den Print eines Tintenstrahldruckers nachzuahmen, also gar nicht. Dem Treiben fehlt ganz einfach in der gesamten Kunstgeschichte jegliches Beispiel, denn auch nachdem die Ölmalerei erfunden und entwickelt worden war, versuchten die Maler damit nicht die älteren Manieren oder Effekte einer Enkaustik oder Temperamalerei beizubehalten, geschweige denn (billig) zu imitieren. Man war stets froh darüber, dass das Malwerkzeug immer feiner, umfänglicher, ausgereifter und mächtiger wurde, und mißbrauchte das nicht zur Verwirklichung dessen, was definitiv nicht mehr Mächtigkeit, Kunst (Können!) oder Kunstmalerei ist. Man muß wohl dazusagen: Künstlich meint weder falsch noch unecht, aber Fälschung ist Imitation, also ist Kunst gewiss nicht die Imitation anderen Werkzeuges, obschon die Imitation und Intertpretation einer Vorstellung oder eines Vorbildes. Noch nie war das andere Werkzeug ein Vorbild oder "Motiv", und wo es das dennoch wird, da verfehlt der Künstler sowohl das Fach "Kunst" als auch das Thema. Auch die Programmierkunst hat nicht nötig, vorzugeben etwas anderes zu sein als bloß mächtig, denn sie ist ja tatsächlich mächtig. Weshalb sollte sie sich darauf beschränken, wieder dem guten alten Bleistift, Pinsel oder Taschenrechner näher zu kommen, wo sie doch schon längstens parallele Welten und Wirklichkeiten zu erschaffen weiß? Nichts imitiert den Bleistift so gut wie der Bleistift selbst, also kann jeder Fortschritt in diese Richtung nur ein Rückschritt sein.

Es stellt sich somit die Frage neu, wofür und für wen Artweaver gut und da sein will. Soll es noch mehr zum bloßen Zeitvertreib und Spielzeug werden oder nicht doch noch mehr zu einem brauchbaren Handwerkszeug für solche Malerei, die akzeptiert und ernstgenommen werden kann? Soll es schließlich von Kennern, Trendsettern und Profis oder von Kindern und Laien gelobt werden?

Ich weiß schon - die Frage kommt so gestellt ein wenig fieß und provokativ 'rüber - aber ich stelle sie auch nur deshalb so, weil Artweaver schon jetzt die besten Chancen dazu hat, auch von der "akademischen Szene" ernst genommen zu werden. Da muß es nicht mehr so sehr einem Painter 11 oder 12 von "Coral" nacheifern - jedenfalls nicht was die totale Imitation der Ölfarbe, des Aquarellpapieres und des Haarpinsels angeht, denn genau damit begäbe es sich bloß auf die Verliererstrecke. Obwohl "MyPaint" in jedem der beiden möglichen Vergleiche das schwächere und viel-schwächere Programm ist, ist es dennoch das bessere Vorbild, denn hier orientieren sich sowohl die Arbeitsumgebung wie auch die Farbpaletten und Pinsel mehr nach dem, was elektronisch, softwaretechnisch oder "programmatisch" ebenso typisch wie möglich und sinnvoll ist, und nur so kann auch digitale Malerei "souverän" werden und sich neben einer traditionellen behaupten.

Wäre ArtweaverPlus nicht, müßte ich glatt MyPaint in den Himmel loben, denn das beschränkt sich tatsächlich extrem hart auf eines Kunstmalers typische Zielstrebigkeit - allein in den Möglichkeiten der nachträglichen, modernen und "professionellen" Bildbearbeitung bleibt es weit hinter aller Konkurrenz zurück - nur darum siedle ich es hinten an. Mein Fazit nun: Weder das eine Metier noch das andere sollte versuchen, ein anderes nachzuäffen, denn sich selbst untreu werden ist genau das, was Kunst nicht ist - oder anders formuliert: Mit seinem eigen Selbst hinterm Berg zu halten, ist genau das Gegenteil von Können - sowohl von Können wie auch von Kennen - und das gilt für ein Fach nicht weniger als für den Menschen, einen Schauspieler, Musiker oder einen Kunstmaler.

So viel schwere Worte erst mal nur dazu und von mir. Würde mich über Antworten, weitere Meinungen und Reaktionen darauf sehr freuen, und will nun ebenfalls nicht versäumen, dem Entwickler Boris wie auch allen, die zu Artweaver gefunden haben, meinen herzlichen Glückwunsch (und meine Hochachtung) auszusprechen. Immerhin hat Artweaver auch ohne seine Fremdanleihen an echter Handmalerei ganz ordentlich viele (maltechnische) Alternativen zu bieten, und gerade das macht es (mir) so wertvoll. Die Effekt- und Pinsel-engine ist insgesamt betrachtet der totale Hammer - eigentlich schon jetzt so gut wie niemehr ganz und gar auszuspielen - allerdings würde ich sie nie zur Imitation des Profils eines Schwämmchens, einer Malspachtel oder eines Haarpinsels heranziehen. Von alledem wirklich am grauenvollsten finde ich allerdings die Imitation des Leinwandgewebes und den Schatten pastoser Malerei. Hingegen kann die sogenannte Papierstruktur noch ganz anders interpretiert und dementsprechend "kreativ" verwendet werden. Wäre diese nicht, tät's mich echt nerven -- insbesonders dann, falls sie nicht veränderlich wäre. Liebe Grüße!

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Re: Kunst versus kitschige Imitation

Beitragvon Artgenossa » Mi Jan 16, 2013 12:18 pm

Dazu fällt mir noch ein sinnfälliges Analogon ein:

Du malst nicht wie Rubens oder Van Gogh, wenn du Rubens oder Van Gogh perfekt nachahmst, denn Rubens und Van Gogh haben niemanden nachgeahmt.

Du malst also erst dann wie Rubens oder Van Gogh, wenn du wie diese niemand anderen nachahmst, also erst dann, wenn du gerade nicht wie Rubens oder Van Gogh malst!

comprende?


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